Tabus brechen

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Heute möchte ich ein Tabu brechen und über die schwierige und schlimme Zeit nach der Geburt vom Kalinchen schreiben. Ich weiss, dass unsere Gesellschaft verlangt, dass Mütter nach der Geburt fit und glücklich sind. Hier war es leider anders. Ich habe diesen Text bereits im letzten Jahr verfasst und er ist im Sommer 2014 im Fidibus Verlag erschienen. Das Buch heißt selbstgeboren und erzählt von vielen unterschiedlichen Geburtserlebnissen.

Mein Erlebnis möchte ich mit euch teilen, auch wenn es dazu wenig schöne Erinnerungen gibt.

Februar 2012

„Herzlichen Glückwunsch, Du bist schwanger“, mit diesem Satz änderte sich mein Leben. Mitten im ersten Jahr an der Uni und frisch bei Mama ausgezogen sollte ich selbst Mama werden. Die Schwangerschaft war aufregend und alles war neu. Der Papa und ich zogen in unsere erste gemeinsame Wohnung, ich fing an Babysachen zu kaufen und stöberte den ganzen Tag durch Foren zum Thema Geburt. Ich las unwahrscheinlich viele Geburtsberichte. Von Hausgeburten, Geburten im Geburtshaus, ambulanten Geburten und Kaiserschnitten.

 

Meine Schwangerschaft verlief nicht ohne Komplikationen. Ab Mai durfte ich nicht mehr arbeiten, da ich nicht länger als 10 Minuten stehen konnte ohne vor Rückenschmerzen laut zu schluchzen. Ich gab meine Jobs auf. Lag den halben Tag im Bett und horchte in meinen Bauch. Die Diagnose: Bandscheibenvorfall. Meine Frauenärztin und meine Mama rieten zum Kaiserschnitt, da die Wahrscheinlichkeit eine “normale Geburt“ durchzustehen sehr gering war. Meine Angst wurde groß. Ich hatte Angst mitten in der Geburt zu versagen. Ich hatte Angst vor einem Notkaiserschnitt wegen Geburtsstillstand.

So planten wir zusammen mit den Ärzten einen Kaiserschnitt.

Für mich war das ok. Ich freundete mich mit dem Gedanken an. Mein Termin wurde um 7 Tage vordatiert, da das Mäuschen in meinem Bauch ein Riese war. Laut Termin sollte sie ursprünglich am 9.10 auf die Welt kommen. Der Kaiserschnitt wurde für den 20.9 um 8 Uhr ausgemacht. Fast 3 Wochen vorher.

 

Die letzte Routine Untersuchung beim Frauenarzt ergab: Kind ist geburtsreif, 3400 g geschätzt, Gebärmutterhals verstrichen und 3 cm offen. 3 Tage vor dem ausgemachten Termin bekam ich Wehen. Ich hatte kurz den Gedanken: „ Wenn es jetzt losgeht, dann bringst du Sie normal auf die Welt“. So schnell wie die Wehen kamen, gingen sie auch wieder.

In der Nacht schliefen wir sehr unruhig. Ich hatte Angst, dass etwas passieren könnte.

20.9.2012

Der Wecker klingelte um 5, wir sollten um halb 6 vor dem Kreissaal stehen. Ich war hellwach und aufgeregt. Als ich aus dem Haus ging kamen die Gedanken :“ Wenn du das nächste Mal nach Hause kommst, dann mit Kind“.

Im Kreissaal angekommen wurde das tausendste CTG geschrieben. Siehe da: Wehen. So musste kein Tropf angehangen werden. ( Unser Krankenhaus erzeugt mit einem Wehentropf künstlich Wehen um das Kind auf die Geburt einzustellen)

Mittlerweile war es 8 Uhr. Mein Magen brummte und mir wurde schlecht. Kein Wunder nach 12 Stunden ohne Essen und richtiges Trinken. Der Kreissaal war voll. Ein Notkaiserschnitt. Wir wurden auf die Wöchnerinnen Station gebracht. Ich wurde immer aufgeregter und hatte mittlerweile richtige Angst.

In dem Moment als mir die Schwester einen Tropf mit Flüssigkeit anhängen wollte, ging ihr Telefon: Ein Op wurde für uns geräumt und der Chefarzt selber führte die Sectio durch. Wir fuhren los.

Die folgenden gefühlten tausend Minuten veränderten unser Leben.

Ich wurde in einen kahlen, kalten Raum geschoben. Alleine lag ich nun da. Alles wurde vorbereitet. Niemand sprach mit mir. Zwischendurch wurde hier und da ein Kabel angeschlossen. Die Zeit verging so langsam, wie in Zeitlupe. Ich wollte nicht alleine sein. Wo war Kalinchens Papa? Warum kam er einfach nicht? Das Anziehen dauert doch keine Stunden?

Jetzt wurde der Netzschlüpfer durchgeschnitten und ich lag nackt in dem kalten Raum. Ich wollte weg. Sofort. Egal wohin, einfach nur weg. Mir wurde schlecht, ich bekam Schweißausbrüche. Die Anästhesie-Schwester war die erste die mit mir sprach. Sie machte mir Mut und erklärte mir, dass ich gleich einen Buckel machen müsste und es dann einen Pieks geben würde. Ich bat um eine Hand, die mir das Gefühl geben sollte, nicht alleine zu sein. Der Pieks war das schmerzhafteste was ich je in meinem Leben erlebt habe. Ich schrie und hoffte der Schmerz würde vorübergehen.

Meine Beine wurden warm und der nette Pfleger kümmerte sich um mich, ich glaube er bemerkte meine Angst. Nach unzähligen Minuten ging alles ganz schnell. Das Tuch wurde vor meinem Oberkörper gespannt und endlich kam auch Idas Papa und war für mich da. Heute kann ich sagen, dass diese Nähe von Ihm, mich beruhigt hat. Ohne ihn wäre ich wohl in Tränen vor Angst, Schmerz und Sorge ausgebrochen.

Innerhalb von wenigen Minuten war der Kreißsaal rappelvoll. Ich wurde gefragt ob es in Ordnung wäre, wenn einige Studenten dabei sein durften. Mir war alles egal.

Die Übelkeit wurde immer schlimmer. Ich jammerte und wollte etwas dagegen haben. Immer wieder hieß es, „erst wenn das Kind da ist, gibt es was“.

Um 11:01 erblickte Kalinchen mit 3150g und 51 cm das Licht der Welt.

Ihren ersten Schrei bekam ich nicht mit. Mein Kreislauf brach zusammen. Der Schmerz beim Rausdrücken von ihrem winzigen Körper verfolgt mich noch heute. Ich dachte ich sterbe.

Sie wurde uns gezeigt, auch das bekam ich nur verschwommen mit. Ich war weg. Keine Ahnung wo, aber nicht bei der Geburt meiner Tochter.

Das Nächste, an das ich mich erinnern kann ist, dass ich vor dem Op stehe, zittere und mich leer fühle. Mein Bauch ist leer und ich bin alleine. Den ganzen Morgen habe ich das Gefühl alleine zu sein. Jeder macht hier seine Arbeit aber niemand kümmert sich um mich. Alle gratulieren mir. Wozu? Ich bin alleine und Weiß nichts. Ich Weiß nicht ob es Ihr gut geht, wo Sie ist, wer bei Ihr ist.

Die Hebamme die das Kalinchen in Empfang genommen hat holt mich ab. Sie sagt es gehe Ihr gut und sie hätte unwahrscheinlich große Füße. Ich zittere, mir ist übel.

Unten angekommen liegt Sie kuschelnd auf ihrem Papa. Sie schmatzt. Als ich Sie endlich auf meinen Bauch bekomme, ist sie schon zwei Stundeb alt. Ich fühle mich schwach und würde am liebsten schlafen. Meine Beine wackeln und mein Kreislauf ist total im Keller.

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September / Oktober 2012

Die ersten Tage sind geprägt von Angst und Unsicherheit. Das Kalinchen trinkt schlecht und nimmt zu viel ab. Sie ist gelb, fast orange. Ich muss sie alle zwei Stunden zum trinken wecken, dabei schläft sie immer wieder ein. Ich schlafe nicht. 5 Nächte bin ich wach. Wir liegen zu dritt auf dem Zimmer. Ein Kind schreit immer und meine Bettnachbarin ist der wahre Horror. Ihr Mann ist noch schlimmer. Ich will nach Hause.

Schließlich entlasse ich mich einen Tag früher als geplant.

Zu Hause ist alles wunderbar vorbereitet ich will nur noch schlafen.

Nach einigen Tagen merke ich, dass ich mich überhaupt nicht freue jetzt Mama zu sein. Ich empfinde es als Strafe und will meine Ruhe.

Nach 4 Wochen merke ich, dass hier etwas nicht stimmt. Ich mag mich nicht mit dem Kalinchen beschäftigen, drehe total durch wenn der Papa die Wohnung verlassen will und habe überhaupt an nichts mehr Freude. Ich rede wenig, das ist für mich so was von untypisch. Aber ich mag einfach nicht. Ich will hier nicht sein. Jeder sagt : „Wow, du hast eine Tochter bekommen, cool“, ich sage „nein, sie wurde geboren aber nicht von mir“.

Unbewusst sage ich das schon nach wenigen Tagen.

 

Nachdem mein Verhalten immer schlimmer wird, meine Laune gar nicht mehr steigt und ich merke, dass ich langsam oder sicher aggressiv werde und durchdrehe, gehe ich zum Arzt.

An einem Freitag sitze ich total aufgelöst vor meinem Hausarzt und schildere ihm meine Lage. Er hat Verständnis und ist am Ende der Meinung, dass ich eine Wochenbettdepression habe. Er würde mir jetzt ein Anti-Depressiva verschreiben und Kalinchens Papa solle sich eine Woche Urlaub nehmen, damit ich zu Kräften komme.

Gesagt getan. Ich ruhe mich aus, nehme die Tabletten und versuche mich darüber zu freuen, dass ich ein gesundes Kind habe.

Diese Phase dauert 4 Monate. Sie ist geprägt von Tränen, langen Spaziergängen, Vorwürfen und dem Gefühl alleine zu sein.

Meine Mama versucht in jeder freien Minute hier zu sein, um mich aufzufangen.

Einen passenden Therapeuten zu finden wird zu meiner täglichen Aufgabe. Niemand hat so kurzfristig einen Termin und wenn doch, keine Ahnung von postpartalen Depressionen. Ich bin verzweifelt, habe oft das Gefühl einfach wegrennen zu wollen. Alles stehen und liegen zu lassen. Nur weg.

Schließlich, nach endlosen Wochen, stoße ich durch Zufall auf eine Heilpraktikerin, die Therapien mit der Aura durchführt.

Ich fahre hin und wir reden. Sie hört mir zu, hat Verständnis und sagt, dass wir das hinbekommen.

Während der Sitzung durchlebe ich mein ganzes Leben noch einmal. Mein Unterbewusstsein hat alles abgespeichert. Der Grund für meine Depression ist die Trennung von meinem Stiefvater und der Kaiserschnitt, an dem ich nur passiv bei der Geburt da bei war. Ich habe 8 Jahre unterdrücken können, dass meine Mama, meine kleine Schwester und ich damals ausgezogen sind. Und jetzt wo ich selbst ein Kind habe, sind diese Gefühle wieder da. Ich habe Angst, dass das Kalinchen alleine gelassen wird. Angst, dass ich wieder alleine gelassen werde.

Nach der Sitzung bin ich wie verwandelt. Ich kann lachen und spüre, dass jetzt alles gut wird.

Im Januar fahre ich das erste Mal alleine mit dem Kalinchen einkaufen. Für mich vorher eine unlösbare Aufgabe.

In der zweiten Sitzung befinde ich mich unter Hypnose und muss die Geburt ein weiteres Mal durchleben. Es hilft mir, endlich zu akzeptieren, dass ich nichts rückgängig machen kann.

Heute fast 3 Jahre danach weiss ich, dass diese Kind das größte Geschenk war!Ich weiss auch ,dass ich kein Versager bin, denn dieses Kind ist in meinem Bauch gewachsen.

Tabus brechen muss sein, offen drüber reden hilft!

9 Kommentare

  1. In einigen Worten finde ich mich wieder. Mein Leben erzählt zwar eine ganz andere Geschichte, jedoch hatte ich die gleichen Gefühle wie du. Wenn auch aus ganz anderen Gründen!
    Ich denke immer, wenn man es wirklich will, findet man in sein fröhliches Leben MIT KIND zurück.

    Ganz liebe Grüße
    Anne

  2. Ich musste ein bisschen die Luft anhalten beim Lesen. Puh. Eine sehr schwere Zeit hast du da durchlebt und wenn ich dich jetzt so online verfolge ist dir davon gar nichts anzumerken.

    Ich hatte online die Diskussion um das selbstgeboren-Buch verfolgt und nicht gedacht, dass auch Kaiserschnitt-Entbindungen ein Teil davon sind. Dann ist es ja doch ganz anders als vorher so kritisiert wurde. Ich habe das Buch schon eine Weile auf meinem Wunschzettel und denke nun werde ich es mir bestellen.

    Danke fürs Teilhaben lassen!

  3. Danke ! Und genau das ist der Grund warum ich drüber schreibe. Viele im normalen leben, wissen nichts davon. Danke dir !

  4. Das ist ein ganz toller Text. Ich danke dir. Ich habe Ähnliches erlebt. Trotz „Bilderbuch-“ Schwangerschaft und Geburt … Dieser Horror, mit dem Baby allein zuhause zu sein, daran erinnere ich mich jetzt wieder. Meine Hebamme hat mir Hilfe geholt, ich hätte es selbst gar nicht mehr gekonnt.
    Meine Mutter hat uns verlassen als ich fünf Jahre alt war. Ich denke, da besteht wohl ein Zusammenhang. Jetzt beim zweiten Kind bemerke ich erst das ganze Ausmaß, meiner damaligen Depression.

  5. Ich finde mich so oft wieder.. ich hatte auch eine schwere Depression nach der Geburt meines Sohnes. Auch ein Kaiserschnitt. Und viele viele Komplikationen… es ist so gut, wenn man darüber spricht ❤

  6. Danke für den Bericht. Ich hatte zwar keinen Kaiserschnitt aber eine grauenvolle Geburt mit jeder Menge Spezialeffekten. Baby und ich waren danach beide traumatisiert. Ihr hat Osteopathie geholfen. Ich überlege jetzt ob ich nicht auch so eine Therapie machen sollte wie du beschreibst. Bin ein Scheidungskind. Depression kam bei mir als die Kleine drei Monate alt war. Da hatte sie das Schlimmste überstanden. Ihr ging es besser, da konnte ich mir endlich erlauben darüber nachzudenken wie es MIR geht. Da kam dann der Zusammenbruch. Mit Hilfe von hochdosiertem Vitamin D gings aber schnell besser. Und ein straffes Programm: Jeden Tag mit einem lieben Menschen aus dem Freundeskreis treffen. So konnte ich mich von Tag zu Tag hangeln.
    Tatsächlich sagt fast jede Frau die ich kenne dass die erste Zeit mit Baby die Hölle ist. Es spricht bloss keine von sich aus drüber. Scheiss Hollywoodklischees. Ich hätte ausflippen können über diese ständige Erwartung glücklich sein zu müssen. Ich war es nicht.Obwohl ich mein Baby unendlich liebe.

  7. Ich kann dir nur sagen, mir hat das unglaublich geholfen. Und auch jetzt mache ich nach all den doofen Erlebnissen in den letzten Jahren eine Hypnose Therapie. Das hilft mir so gut, entspannt mich und gibt mir Kraft!

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